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Der Einsiedler bei Dippoldiswalde.

(In der Dippoldiswalder Heide, eine halbe Stunde nördlich von der Stadt, steht
ein großer Sandsteinfelsen mit einer wenig bedeutenden Höhle, welcher der Ein-
siedler heißt. Die auf demselben befindlichen Spuren von Gemäuer heißen die
Dippoldsklause und der nahe Quell der Einsiedlerbrunnen. Ohnweit davon stehen
die Trümmer einer alten Kapelle. Die Sage selbst beginnt in den letzten Regie-
rungsjahren Kaiser Heinrichs I., des Finklers, etwa um 933, und endet um 960.
Der in derselben erwähnte Boleslav ist Boleslav II., der Fromme, welcher, seit
967 Herzog von Böhmen, 971 das Christentum in Böhmen einführte, das Erz-
bistum Prag und mehrere Kirchen stiftete.)

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  Müde, nur der Welt zu leben,
barg zu Kaiser Heinrichs Zeit
sich der alte fromme Dippold
in des Waldes Einsamkeit.
Eine Klause ward die Stätte
seines Wohnens, und sein Bette
dürres Moos und Farrenkraut;
Früchte dienten ihm zur Speise,
die nach frommer Klausner Weise
er im Gärtchen sich erbaut.

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  Rings vor seiner Felsenklause
hatte sich der fromme Greis
eingezäunt ein kleines Gärtchen
und bebaut mit regem Fleiß.
Drinnen zog er süße Beeren,
weiße Rüben, rote Möhren
sorglich gärtnernd und begoß
sie aus dem krystallnen Quelle,
dessen schmale Silberwelle
längs am Zaun vorüberfloß.

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  Auch vergaß er nie, die größ're
Pflicht getreulich zu verseh'n
und an die geweihte Stätte
täglich zum Gebet zu geh'n.
Nahe seiner Felsenzelle
stand im Walde die Kapelle
der hochheil'gen Barbara,
wo der Klausner voller Freuden
treulich die Obliegenheiten
eines Kapellan versah.

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  Wandrer, die den Wald durchzogen,
sprachen bei Dippolden ein,
ließen sich von ihm mit Freuden
für die Christuslehre weih'n.
Denn in ungeschminkter Klarheit
floß die heil'ge Gotteswahrheit
von des frommen Greises Mund,
und was ihm die Lippe wehrte,
gab des Lehrenden Geberde
und sein Blick dem Schüler kund.

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  Keiner durfte ungetröstet,
keiner zweifelnd von ihm zieh'n,
alle dankten ihm mit Tränen,
segneten und priesen ihn,
trugen mit entzücktem Munde
von dem frommen Greis die Kunde
fernhin in das Böhmerland;
auch des Herzogs edlem Sohne,
Erben einst der böhm'schen Krone,
ward des Klausners Lob bekannt.

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  Längst schon war der bied're Jüngling
allem Götzenopfer Feind
und der heil'gen Christuslehre,
wie er solche kannte, Freund.
Jetzt, als er von Pilgern hörte,
wie und wo der Klausner lehrte,
hatt' er nimmer länger Ruh',
schied vom väterlichen Schlosse
still und ritt auf schnellem Rosse
stracks nach Dippolds Heide zu.

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  Nach drei Tagereisen kam er
bei der Felsenklause an;
jätend kniet in seinem Gärtchen
just der alte, fromme Mann,
doch als er den Fremdling nahe
vor dem Zaune halten sahe,
stand er eilends auf und sprach:
„Edler Ritter, seid gegrüßet
und, so's euch gefällt, genießet
bei mir einen Ruhetag.“

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  Boleslav – so hieß der Böhme –
stieg vom Rosse flink und band
es am Pförtchen fest und reichte
ihm zum Gegengruß die Hand:
„„Ja, gern will ich bei Euch rasten,
und Ihr werdet von den Lasten
banger Zweifel mich befrei'n.
Von Euch will ich all' die Lehren
Eures heil'gen Jesu hören
und ein frommer Schüler sein!““

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  Freudig glänzte Dippolds Auge:
„Heil Euch, Heil! wer Ihr auch seid.
Euer guter Engel führte
Euch in diese Einsamkeit.
Kommt, Ihr sollt den Gott erkennen,
den wir Christen Vater nennen,
sollt Euch des Erlösers freu'n.
Kommt!“ Mit freudig raschem Schritte
führte Dippold in die Hütte
seinen neuen Schüler ein.

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  Stundenlang oft saßen beide
in der Laube frischem Grün;
Boleslav ließ keine Lehre
spurlos seinem Ohr entflieh'n.
Alles schien nach seinem Meinen
ihm genehm, und hat er keinen
Zweifel jemals sich erlaubt;
aber bei der großen Lehre,
daß sich rächen Sünde wäre,
schüttelt' er sein lockigt' Haupt.

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  „„Aber seht, ehrwürd'ger Vater,
– unterbrach er sanft den Greis, –
warum, wenn ich Böses sehe,
wirds im Herzen mir so heiß?
Warum soll ich mit dem Schlechten,
wenn ich besser bin, nicht rechten?
Habt Ihr mir doch selbst gesagt:
Wehe, wer durch Uebeltaten
seinem Nächsten Leid und Schaden
boshaft zuzufügen wagt!““

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  „Weh' dem Bösen!“ rief der Klausner,
„weh' ihm, wehe! Aber wißt,
daß, das Rächeramt zu üben,
ein Alleinrecht Gottes ist!
Kann der Mensch ja nie auf Erden
allen Makels ledig werden,
daß er könnte Richter sein;
darum soll er ohne Klagen
seines Nächsten Fehler tragen
und dem Irrenden verzeih'n.

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  Doch genug jetzt! Zur Kapelle
ruft mich meine heil'ge Pflicht.
Gießt indes die Rübenbeete,
auch versäumt das Jäten nicht!“
Rasch, als ob er Eile habe,
griff der Greis zu seinem Stabe,
eilte in den Wald hinein.
Boleslav ging mit den Kannen
an den Quell. Die Wässer rannen
lustig über Stock und Stein.

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  „Gutes Brünnlein, bist der Reinheit
und der Freiheit treues Bild,
ein Krystall ist jeder Tropfen,
der aus deiner Tiefe quillt!
Ob dich Steine rings umdrängen
und dein Kieselbett verengen,
suchst dich friedlich zu befrei'n;
rächst dich nicht an diesen Steinen,
ja du wäschst sie noch mit deinen
klaren Wellen hell und rein!“

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  Tiefbewegt in inn'rer Seele
schöpft er seine Kannen voll
und begießt die Rübenbeete,
hackt und jätet, was er soll.
Und wie alles ist vollendet,
tritt er an den Zaun und wendet
seine Blicke auf den Quell.
Lange schaut er in die Wässer –
seines Zweifels Nacht wird blässer,
und Erkenntnis dämmert hell,

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  Nur der Fichten Wipfel glühten
noch im goldnen Abendschein;
immer schaute noch der Jüngling
sinnend in den Quell hinein.
Immer sanfter, immer milder
lächelten der Zukunft Bilder
aus dem Quell in seinen Blick,
da vernahm er nahe Tritte;
durch der Fichten dunkle Mitte
kam der fromme Greis zurück.

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  Wohlzufrieden flog sein Auge
durch der Beete saubern Kreis,
und mit freudigmildem Blicke
lobt er seines Schülers Fleiß,
brach zum Nachtmahl dann die besten
reifsten Aepfel von den Aesten,
pflückte Schoten noch dazu.
Und als solches war genossen
und die Gartentür verschlossen,
gingen beide still zur Ruh'.

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  Mitternacht war schon vorüber.
Auf der Lagerstatt von Moos
schliefen noch im ersten Schlafe
beide sanft und sorgenlos.
Da wards draußen plötzlich rege,
just als ob der Zaun zerbräche,
und der Klausner wurde wach.
Aengstlich lauscht er, was es werde –
still war alles, und er hörte
nur ein tiefes, dumpfes „Ach!“

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  Rüttelnd weckt er seinen Schüler
und erzählt, was er gehört;
auf springt Boleslav und zündet
rasch das Windlicht und bewehrt
sich mit seinem Schwert. Drauf gehen,
um zu seh'n, was wohl geschehen,
beide in des Gärtchens Flur;
unter einem Apfelbaume
lag auf blutgetränktem Raume
eine menschliche Figur.

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  Dippold bebt. Der Jüngling leuchtet
mit dem Lichte näher hin:
„„Ha, ein Dieb! Seht da, das Körbchen
die gestohl'nen Aepfel drin!
Seht, wie da die Aeste liegen!
Der ist auf den Baum gestiegen
und wohl hoch herabgestürzt.
Wimm're sollst nicht lange wimmern,
Will den Schädel Dir zertrümmern,
daß Dein Leiden sich verkürzt!““

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  Zornig zuckt er mit dem Schwerte.
Doch der greise Klausner hält
ihm den Arm: „Halt ein, Verwegner!
Bist zum Richter Du bestellt? –
Weg das Schwert, und laß uns eilen,
daß wir ihn vielleicht noch heilen!
Faß ihn nur behutsam an!“
Boleslav gehorcht. Sie schlagen
in die Mäntel ihn und tragen
in die Klause ihn hinan.

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  Dippold wäscht ihm seine Wunden,
legt ihm Spinnewebe drauf,
und der Kranke regt sich wieder,
schlägt die stieren Augen auf.
Boleslav, der nie an Dieben
solche Großmut sahe üben,
schüttelte sein lockigt Haupt
und begann: „Könnt Ihr verwetten,
daß der, den wir heute retten,
nicht schon morgen wieder raubt?““

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  Strafend da mit finsterm Auge
sprach der Greis: „Das weiß ich nicht!
Aber wär's auch; ihm zu helfen,
das ist heute meine Pflicht!
Ein Gebot ist uns geschrieben,
Großmut auch am Feind zu üben,
wie sie Christus einst geübt!
Alle Menschen sind ja Brüder.
Darum, so fragt niemals wieder,
wenn Ihr irgend mich noch liebt!“

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  Durch das ernste Wort erschüttert
schweigt der Jüngling still dazu
und begibt sich, da der Klausner
sein nicht mehr bedarf, zur Ruh'.
Aber Dippold wacht mit Sorgen
bei dem Kranken bis zum Morgen,
hilfreich stets um ihn bemüht,
so daß früh, vom Schlaf ermuntert,
Boleslav ihn hochverwundert
noch bei selbem sitzen sieht.

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  Da erwachte auch der Kranke
wie aus langem Todesschlaf
und erschrak in tiefster Seele,
als sein Blick den Klausner traf.
Lange lag er ohne Regen,
bis er, über sein Vermögen
hastig, auf vom Lager sprang
und, vom Ungestüm der Schmerzen
und der Scham zerknirscht im Herzen,
schluchzend Dippolds Knie umschlang.


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  Doch der hob ihn auf voll Güte
und begann: „Was Du getan,
rechne Dirs der Herr des Himmels
im Gericht dereinst nicht an.
Wasche Dich von Deinen Sünden,
daß Du Gnade mögest finden!“
So der Greis mit ernstem Ton.
Als obs ihm das Herz zerreiße,
stand der Sünder vor dem Greise,
und zerknirscht ging er davon.

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  Da ergreifts den Jüngling plötzlich
wie mit himmlischer Gewalt,
auf die Knie sinkt er nieder
vor des Geises Hochgestalt:
„„Tauft mich, Vater! Hört mein Flehen!
Tauft mich! Jetzt hab' ich gesehen,
wie's so schön ist, zu verzeih'n!
Tauft mich! Gern will ich versrechen,
nur durch Liebe mich zu rächen.
Weiht mich, Vater, weiht mich ein!““

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  Dippold preßt mit feuchtem Auge
seinen Schüler an die Brust.
Der Triumph des Glaubens ist ja
seinem Herzen Himmelslust.
Freudig tauft er ihn am Quelle,
führt ihn dann in die Kapelle.
Und noch manches fromme Wort
gab er ihm mit auf die Reise.
Reich im Herzen ritt vom Greise
tags darauf der Jüngling fort.

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  Viele fromme Wandrer sprachen
bei dem greisen Klausner ein,
ließen sich an seinem Quelle
für die neue Lehre weih'n.
bauten in des Waldes Mitten
nah der Klausnerei sich Hütten,
und so allgemach entstand
eine Stadt, die frommerweise
zum Gedächtnis jenem Greise
Dippoldswalde ward genannt.




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(Ziehnert, Sachsens Volkssagen, Annaberg 1881, Nr. 44)
(Als Erzählung bearbeitet: Eichler Oskar, Sächsische Volkssagen, Stolpen
o.J. Heft 10, S. 331-342- „Dippolds Klause bei Dippoldiswalde“.)

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Abschrift aus:
Konrad Knebel „Geschichte der Stadt Dippoldiswalde bis zum Jahre 1918“
Verlag von Carl Jehne in Dippoldiswalde 1923
Seiten 482 bis 485

Die Grafiken mit den Texten aus diesem Buch entstammen der
Druckvorbereitung von Prof. Dr. Adolf Heger für die Faksimile-Ausgabe


ChronikSeit Beginn des Stadtfestes am 9. Juni 2006, 83 Jahre nach dem Erscheinen, kann man diese Chronik: die „Geschichte der Stadt Dippoldiswalde“ von Konrad Knebel wieder erwerben.

Es bedurfte eines ersten Anstoßes durch Herrn Werner Irmscher vom Verein „Dipps lebt“, eines zähen Engagements der Stadtbibliothek und des enthusiastischen uneigennützigen Beistands von Herrn Professor Adolf Heger hinsichtlich der drucktechnischen Möglichkeiten, die „Knebelsche Chronik“ als Faksimile-Ausgabe neu herauszugeben.

Über den fachlichen Wert dieses Buches ist man einhelliger Meinung, der umfasste Zeitraum von Stadtgründung bis 1918 ist einzigartig, chronologisch ausführlich und exakt dargestellt. Nachfolgende und bis heute tätige Heimatkundler und -forscher benutzten das Werk immer auch als Grundlage für ihre Studien. Die Stadt verlieh dafür denn dem Autor auch das Ehrenbürgerrecht.

Und es ist als eine erneute Geste der Ehrung zu verstehen, wenn im Jahre seines 150. Geburtstages Konrad Knebels Werk „im Auftrag der städtischen Behörden“ einer Vielzahl von Dippsern, auch neuen und ehemaligen, wieder zur allgemeinen Verbreitung angeboten wird.

Zum Preis von 24,95 Euro können Sie die Faksimile-Ausgabe erwerben bei:

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